http://fbc.binghamton.edu/commentr.htm
183, Apr. 15, 2006
"Attack
Der Messias-Komplex
Das Gerede über einen militärischen Angriff der
Der Präsident reagierte sofort. Das seien «wilde Spekulationen». Und der
britische Aussenminister Jack Straw sagte, ein Angriff gegen den Iran sei
«unvorstellbar» und Pläne für einen Atomwaffeneinsatz seien «völliger Quatsch».
Wem sollen wir glauben? Hersh pflegt seit langem Beziehungen zu hohen Figuren
im Militär (und beim Geheimdienst CIA), und er hat oft Dinge enthüllt, die sich
als wahr herausstellten. George Bush hingegen ist schlecht beleumdet, wenn es
um die Wahrheit geht. Und auch Jack Straw steht kaum besser da. Also doch mehr
als Getöse?
Warum ein Angriff aus Sicht der USA
irrational wäre, ist klar. Derzeit scheint das US-Militär nicht einmal in der
Lage, das zu tun, was die USA in Afghanistan und im Irak eigentlich tun
möchten. Ein Angriff gegen den Iran würde das Militär noch weiter beanspruchen
- vielleicht zu weit. Ausserdem sind die iranischen Verteidigungsanlagen -
soweit bekannt - so gut gebaut und geographisch verteilt, dass kein noch so
massiver Luftschlag sie völlig eliminieren könnte. Die iranischen Pläne würden
allenfalls verzögert.
Dazu kommt die iranische Antwort. Zwar kann der
Dennoch scheinen hohe US-Militärs zutiefst beunruhigt. Laut Hersh erwägen die
Joint Chiefs of Staff, die höchsten Militärs also, Präsident Bush in einem
formellen Brief von einem nuklearen Angriff abzuraten. Und eine ganze Reihe
pensionierter Generäle, die im Irak waren, fordern öffentlich den Rücktritt von
Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Dass das genau jetzt geschieht, kann
kein Zufall sein.
Was fürchten diese Offiziere? Hersh liefert eine Erklärung. Sie glauben, dass
Bush einen «messianischen» Komplex hat. Menschen mit einem solchen Komplex sind
gefährlich, vor allem, wenn sie Atomwaffen in ihren Händen haben und die
stärkste Militärmaschine der Welt kontrollieren. Doch was immer mit Bush los
ist - es geht auch um die Motive seiner Umgebung, der MilitaristInnen und
neokonservativen Intellektuellen. Was können die sich einreden, das alle
Argumente gegen eine Militärintervention widerlegt? Zum einen haben sie nichts
zu verlieren. Wenn die USA nicht eingreifen, wird der Iran wohl wirklich einmal
Atomwaffen besitzen. Und das würde den US-Einfluss in der Region
zweifellos mindern. Aber ist das ein Armageddon wert?
Einige dürften auch in engen Wahlkampfkategorien denken. Ein gut getimter
Angriff könnte die Zustimmung zu Bush vorübergehend steigern und für einen
republikanischen Sieg in der Kongresswahl in diesem Jahr sorgen. Dadurch wäre
auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush ausgeschlossen.
Und dann gibt es noch
Also: Werden die USA angreifen oder nicht? In der Regel siegt bei politischen
Entscheidungen die Rationalität. Aber nicht immer. Und vielleicht haben manche
Leute nicht nur einen messianischen Komplex, sondern einen Samson-Komplex.
Immanuel Wallerstein
Das Copyright für diesen Text
liegt bei Immanuel Wallerstein. Für alle Nachdruck- und Zweitverwertungsrechte,
auch für Übersetzungen und für nicht-kommerzielle Websites, kontaktieren Sie
bitte Agence Global: rights@agenceglobal.com, +1 336 686
9002 oder +1 33 286 6606. Dieser Text darf - unverändert - heruntergeladen und
elektronisch weitergeleitet werden. Der Copyright-Vermerk muss unbedingt
ebenfalls enthalten sein. Kontakt zum Autor: immanuel.wallerstein@yale.edu
Diese Kommentare erscheinen zweimal monatlich. Sie sind Überlegungen zur
gegenwärtigen Weltlage aus einer Langzeitperspektive und nicht aus den
täglichen Schlagzeilen heraus.
_____
Email this Commentary to a colleague
______________________________________________
Go to List of Commentaries